Mein Urgroßvater Anton Pape war im Jahr 1896 gerade 42 Jahre alt, und wohnte in der Pappelallee in Prenzlauer Berg. Ganz sicher hat er damals von dem Berliner-Großereignis im Treptower Park gehört. Vielleicht hat er sich mit Frau Marie und seinen 3 kleinen Kindern auch schon in den Trubel der Gewerbeausstellung begeben. Schließlich waren 7,1 Millionen Menschen dort. Einige vermutlich mehrfach, denn Berlin hatte damals nur 1,7 Millionen Einwohner.
Das war aber auch interessant, was da alles ausgestellt wurde. Eine „Kinder-Brutanstalt“ wurde ebenso gezeigt, wie eine Kolonialausstellung mit 106 lebenden Menschen aus Kolonien des kaiserlichen Deutschlands. Außerdem viele Wunderwerke, von elektrischen Glühbirnen bis zu Maschinen, die die meisten noch nie gesehen hatten. Und die Ausstellungshäuser erst! Die waren zum Teil riesig und aufwändig gestaltet. Hier das Hauptgebäude, mit den unglaublichen Ausmaßen von 400 m Länge und 240 m Breite:


Und das wurde alles gebaut für nur 5 ½ Monate! Danach musste im Park alles wieder wie zuvor aussehen. Ein riesiger See wurde extra für die Ausstellung angelegt – und am Ende wieder zugeschüttet.
Sehr schöner Audiowalk zur Gewerbeausstellung 1896
Auf der Suche nach Informationen zum Leben in Berlin zu Zeiten meines Urgroßvaters, bin ich auf diesen spannenden AudioWalk gestoßen, den man sich am besten direkt vor Ort im Treptower Park an den Original Schauplätzen anhören sollte – auch wenn davon heute nichts mehr zu sehen ist. Man könnte meinen, man hört den alten Berliner Stimmen direkt auf dem Ausstellungsgelände zu. Die erzählen auch von ihren persönlichen Situationen beim Besuch der Gewerbeausstellung.
Eigentlich sollte es eine Weltausstellung werden
Am 1. Mai 1896 eröffnete Wilhelm II mit seiner Frau Auguste Viktoria die erstaunlich große und aufwändig erstellte Berliner Gewerbeausstellung im Treptower Park. Die Organisatoren träumten eigentlich von einer Weltausstellung, wie es sie in Paris, in London, in Wien und in Chikago schon mehrmals gab. Berlin war damals schließlich die viertgrößte Stadt nach London, New York und Paris.
Nur war der Kaiser damals dagegen. Er schrieb an den Reichskanzler:
„Der Ruhm der Pariser läßt den Berliner nicht schlafen. Berlin ist Großstadt, Weltstadt (vielleicht?), also muß es auch seine Ausstellung haben! […] Das ist völlig falsch. […] Paris ist nun mal – was Berlin hoffentlich nie wird – das große Hurenhaus der Welt, daher die Anziehung auch außer der Ausstellung. In Berlin ist nichts was den Fremden festhält als die paar Museen, Schlösser und die Soldaten; in sechs Tagen hat er alles mit dem rothen Buch [dem Baedeker, ACTG] in der Hand gesehen und zieht dann erleichtert weiter, nachdem er das Gefühl, seine Pflicht getan zu haben, auch gefunden. Das macht sich der Berliner nicht klar und würde es auch gründlich übelnehmen wenn man ihm das sagte. Aber das ist eben das Hindernis der Ausstellung.„
Und offiziell fasste sich Kaiser Wilhelm II ganz kurz:
„Ich will die Ausstellung nicht, weil sie meinem Vaterland und -Stadt Unheil bringt! […] Ausstellung is nich, wie meine Herren Berliner sagen.“
So beschreibt es jedenfalls der 1865 gegründete Verein für die Geschichte Berlins auf seiner Webseite.
Trotzdem wurden 1,1 Millionen m² Parkfläche mit sehr großen aufwändig gestalteten Ausstellungshallen bebaut, um Platz für 4000 Aussteller zu schaffen. Auch ein großer See wurde angelegt. Hier ein Landschaftbild und ein Lageplan des Ausstellungs-Geländes:


Architektonische und handwerkliche Leistungen
Obwohl nur für die kurze Ausstellungszeit wurden die z.T. riesigen Gebäude aufwändig gestaltet. Türmchen, Säulengänge, Verzierungen innen – namhafte Architekten haben ihre Ideen in möglichst einfacher Bauweise verwirklicht. Auf ein Traggerüst wurde Holz oder „Drahtputz“ (auch Rabitz genannt) als Verkleidung angebracht. Die Bauten konnten sich wirklich sehen lassen. Hier das Bild des repräsentativen Hauptrestaurants für 1500 Essensgäste im Hauptsaal:

Ausführlich beschrieben wurden die Gebäude in der Deutschen Bauzeitung 1896 von einem -H.-. Den Text und viele Bilder hat Frank Kemper in seinem lesenswerten Blog „lokalgeschichte.de“ übernommen und dankenswerterweise unter CC BY 4.0 Lizenz zur Verfügung gestellt. (Alle Gebäudebilder, Lageplan und Landschaftsbild stammen aus seinem Blog.)
Einen weiteren Text zu Hintergründen und Umsetzung der Gewerbeausstellung 1896 hat der Verein für die Geschichte Berlins herausgegeben. Dieser Verein war auch an der Gestaltung des Ausstellungsteils „Alt-Berlin“ beteiligt. Auch dort sind erstaunlich umfangreiche Bauten aus Holz und Gips entstanden:


Mein Fazit
Ich bin ehrfürchtig erstaunt über die gestalterischen Leistungen allein der vielen Gebäude (300 waren es wohl insgesamt), die Menschen vor 130 Jahren nur für eine so kurze Zeit von 5 1/2 Monaten mit offenbar viel Mühe erbracht haben. Handwerker hatten damals noch nicht die Maschinen, die uns heute helfen. Und trotzdem haben sie so vielfältige Formen realisiert, die in unserer Zeit alle irgendwie begradigt sind – damit sie einfacher herstellbar werden.
Über die damals ausgestellen Dinge habe ich noch wenig Infos. Aber ich vermute, das waren auch aufwändig präsentierte Ausstellungsstücke. Mein Hochachtung vor den Fähigkeiten der Menschen vor 130 Jahren ist jedenfalls enorm gestiegen. Gern wüsste ich, wie das meinen Urgroßvater beeindruckt oder sogar beeinflußt hat!
Nachtrag: Das Gelände heute
Der Treptower Park musste ja im Oktober 1896 wieder in den alten Zustand versetzt werden. Alle Gebäude mussten abgebaut sein, und der Park sollte der Treptower Bevölkerung wieder als Park zur Verfügung stehen. Der Aushub für den „Neuen See“ scheint danach doch noch erkennbar gewesen zu sein. Jedenfalls hat das die Sowjet-Architekten bei der Gestaltung ihres Ehrenmals für die Sowjet-Armee angeregt zu haben. Sie haben nach dem zweiten Weltkrieg die Grundform für das weitläufige Denkmal übernommen. Hier der Lageplan der Gewerbeausstellung und der heutige Planausschnitt zum Vergleich:


Der Treptower Park ist auf jeden Fall einen Besuch wert! Und der AudioWalk führt auch direkt über das Gelände des sowjetischen Ehrenmals. (Dieser AudioWalk ist übrigens der Beste, den ich je gehört habe.)

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