Familie Kurt Pape ab 1956 in Kanada

Vater Kurt war schon ein paar Monate vor seiner Familie nach Kanada ausgewandert. Er suchte eine Wohnung und eine Arbeit, um seine Familie unterbringen und ernähren zu können. Dafür hat er sich etwa 3 Monate vorgenommen. Am 14. September 1955 begann seine Überfahrt, die damals am 25. September endete, lt Stempel der Einwanderungsbehörde. Seine Familie ist im Januar 1956 in Kanada angekommen.

Die Wohnung hat er gefunden in der Mary Street in Hamilton Ontario. Einen Job als Elektriker bekam er bei “Ideal Furniture Stores”, auch in Hamilton Ontario.

Ein Umzug in 8 Transportkisten zwischen 23 und 47 kg

Käthe Pape hatte die schwierige Aufgabe auszuwählen, was unbedingt von Berlin nach Kanada mitgenommen werden sollte. Es gab nur 8 Transportkisten, die sie füllen konnte. Der jeweilige Inhalt musste schriftlich aufgeführt sein. Diese Liste liegt uns glücklicherweise vor. 293 kg wogen die Transportkisten insgesamt. Man ahnt nur, wie schwer es Käthe wohl gefallen sein muss, sich auf diese Dinge zu beschränken. Möbel konnten nicht mitgenommen werden.

Waltraut: “Ja, nur das Nötigste wurde herübergebracht, große Kisten. Ich erinnere mich vage, dass sie mit orangefarbenem Wachspapier ausgekleidet waren.“

Überfahrt auf schwerer See

Das Auswanderer-Schiff „Arosa Sun“ mit dem Käthe und Kinder nach Kanada kamen

Waltraut erinnert sich an die Schiffsreise, sie war damals 7 Jahre alt: „Rauhe See, viele Seekranke. Ein Bullauge in der Kabine einer Frau brach, Wasser drang ein, sie brach sich den Arm.
Ich erinnere mich an Schalen mit Obst auf den Tischen mit Orangen. Die rollten auf dem Boden, wenn das Schiff bei rauer See schwankte.“

Aber die Menü-Karte des Schiffes Arosa Sun verspricht eine gute Verpflegung:

Das Bild zeigt Renate und Waltraut in der MItte im Speisesaal des Übersee-Schiffes Arosa Sun

Die geplante Ankunft des Schiffes in St. John, New Brunswick wurde verlegt: Der Hafen war im Januar 1956 zugefroren. Das Schiff landete deshalb in Boston USA, etwa 650 km südlich von St. John, Boston, Kanada. Für Käthe mit den zwei 7 und 12 Jahre alten Kindern, war das sicher eine zusätzliche Strapaze. Sie mussten ja von dort noch nach Hamilton, Ontario. Das sind noch heute etwa 16 Stunden Zugfahrt!

Die erste Wohnung in Kanada

Als erste Bleibe hatte Kurt das Dachgeschoß eines Hauses in der Mary Street in Hamilton gemietet. Unten wohnten auch deutsche Einwanderer.

Die Wohnung war ja leer, und Möbel konnten sie aus Berlin nicht mitbringen. Kurt und Käthe kauften einige Möbel aus zweiter Hand. Die Küchenschränke und den Tisch baute Kurt selber. Der selbstgebaute Tisch wurde jahrelang benutzt und lange aufbewahrt!

Das ist übrigens auch eine Parallele zu meinem Vater Werner, dem Bruder von Kurt: Auch Werner hat Schränke und Tische für seine Wohnung in Berlin handwerklich perfekt selbst gebaut und mit verschiedenen Furnieren gestaltet.

Die beiden Kinder, Renate und Waltraut kamen in Hamilton in die Schule. Man wollte die Geschwister nicht trennen – sie waren die einzigen Deutschen. Deshalb steckte man sie in die gleiche Klasse. Für Renate war das eine Zurückstufung, die ihr gar nicht gefiel. Und für Waltraut war das eine Klasse höher, als normal. Beide sprachen kein Wort Englisch, was sicher eine große Herausforderung war. Waltraut erinnert sich, dass sie sich damals vorgenommen hatte, so schnell wie möglich Englisch zu lernen. Und zwar so, dass auch kein Akzent sie als Ausländerin erkennen lassen sollte.

Zu Hause sprachen sie immer Deutsch. Vater Kurt war schon ganz gut im Englisch sprechen. Mutter Käthe lernte das aus Zeitung und TV, später auch in einem Englisch-Kurs.

1957: Käthe, Waltraut, Renate und Kurt in Kanada

In Hamilton ist die Familie noch zweimal umgezogen. Die vierte Wohnung war in der Hunter Street in Hamilton. 1958 haben sich Kurts Eltern, Anna und Paul Pape, auf den Weg noch Kanada gemacht, um ihren Sohn mit Familie dort zu besuchen.

1958: Anna und Paul Pape (Mitte) besuchen Kurts Familie in der Hunter Street in Hamilton

Zweimal kommen Kurts Eltern nach Kanada

Die erste Schiffsreise machen Anna und Paul 1958, kurz nachdem Kurt mit Familie in Kanada angekommen ist. Die beiden waren damals auch schon 65 und 72 Jahre alt.

Sie kamen danach aber noch einmal zu Besuch, diesmal zu Waltrauts Konfirmation 1961.

Kurt bei der Arbeit

Kurt auf einem Freileitungsmast

Kurt hat in Kanada von Anfang an als Elektriker gearbeitet. Dabei hat er mehrmals die Firma gewechselt:

  • Ende 1955: als Elektro-Installateur bei „Ideal Furniture Stores“
  • Im März 1956 bekam er die Elektriker-Lizenz für Hamilton
  • Im Mai 1956 wechselt er zu „Canadian Comstock Corporation“, einem Unternehmen, dass mechanische und elektrische Bauarbeiten übernahm und Energieinfrastuktur-Dienstleistungen anbot. Sein Arbeitsgebiet war die Energieversorgung im Bereich von 110 bis zu 4000 Volt.
  • Im Januar 1958 wechselte er zu „Cyanamid of Canada“ in Beachville, Ontario. Wieder als Anlagen-Elektriker, der Neubau und Wartung des elektrischen Teils von Produktionsanlagen übernahm.
    Cyanamid produzierte Düngemittelrohstoffe und andere Chemikalien.

Diese Angaben stammen aus einem beruflichen Lebenslauf, den Kurt 1965 geschrieben hat. Ich vermute, er wollte sich damit wieder bewerben. Er blieb aber bis zum Ende bei Cyanamid. Selbst als Rentner wurde er noch als Consultant von Cyanamid beschäftigt – bis zu seinem Tod 1999.

Kurts Leben war ausgefüllt mit Arbeit. Er hatte auch die Einstellung „Das Leben ist zum Arbeiten da“. Wie wichtig ihm das Arbeiten in seinem Job war, macht eine Erinnerung von Waltraut deutlich: Kurt war nicht begeistert, wenn man ihn anrief. Es könnte ja sein, dass seine Firma ihn braucht, und dann ist das Telefon besetzt!

Kurt baut ein Haus – fast ganz allein

Nach der Anfangszeit in Hamilton zog die Familie 1959 in ein Reihenhaus in Woodstock, Ontario. Das ist etwa 80 km entfernt von Hamilton. In Woodstock hat Kurt dann ein Grundstück gekauft, und 1960 mit dem Bau eines eigenen Hauses begonnen. Das war ein Hang-Grundstück auf dem erstmal eine ebene Grundfäche ausgehoben werden musste. Nur mit Schaufel und Schubkarre hat Kurt das Gelände geebnet, und das Fundament gegossen.

Die Außenwände wurden in der Fabrik vorgefertigt und auf der Baustelle aufgestellt. Innen war aber alles leer. Kurt hat damals schon die ganze Innenaufteilung in Trockenbauweise realisiert. Und das alles nur Abends und am Wochenende. Tagsüber musste er ja Geld verdienen. Auf der Baustelle leistet ihm seine damals 10-jährige Tochter Waltraut Gesellschaft. Wo sie konnte, hat sie auch beim Bau mitgeholfen. Waltraut war so etwas wie die Lieblingstochter von Kurt, während ihre Schwester Renate eher die Lieblingstochter ihrer Mutter Käthe war.

Der Hausbau war nach etwa zwei Jahren fertig. Die Familie konnte 1961 einziehen.

Dieses Haus hat Kurt gebaut von 1960 bis 1961

Jeweils nach einigen Jahren wollte Käthe immer in ein anderes Haus, in eine andere Gegend ziehen. Zusätzlich erwartete Tochter Renate ihr erstes Kind unter schwierigen Bedingungen. Deshalb zog die Familie 1965 aus Kurts selbstgebautem Haus nach London, Ontario, wo Renate wohnte. Kurt konnte das neue Haus durch den Verkauf des ersten Hauses finanzieren.

Etwa 10 Jahre später zog die Familie wieder zurück nach Woodstock. 1976 hat Kurt dort wieder ein Haus gekauft. (In Kanada ist es viel selbstverständlicher als bei uns, ein Haus zu kaufen, wenn man umzieht). Aber auch dort sind sie nicht lange geblieben. Ihre letzte Bleibe war ihr Haus in Kitchener, wo Käthe und Kurt bis zum Schluß lebten. Die beiden Töchte waren ja längst ausgezogen.

Aus 1982 gibt es dieses Bild des Hauses von Kurt und Käthe in Kitchener, Ontario:

Haus der Familie Kurt Pape etwa 1982 in Kitchener

Kurt fuhr immer Auto

Kurt war in Kanada immer im Auto unterwegs. Käthe hat wohl irgendwann mal Fahrstunden genommen, aber nie einen Führerschein gemacht. Sie ist deshalb nie Auto gefahren.

Kurt und Waltraut reisen mit Kurts Mutter durch Deutschland

Nachdem Kurts Vater 1965 starb, ist Kurt noch zweimal zu seiner Mutter nach Berlin gekommen. Das erste Mal kam er 1969 gemeinsam mit Tochter Waltraut, um Anna für eine Reise durch ganz Deutschland mitzunehmen. Kurt hatte dafür einen Volkswagen gemietet. Berlin, Hamburg, Bremen, Köln, Heidelberg, Karlsruhe, Bodensee, München, Nürnberg, Frankfurt, Kassel, Hannover – das waren in etwa die Stationen die die drei im Käfer angefahren sind. Die 77-jährige Anna auf der Rückbank, Kurt und Waltraut vorn im VW Käfer.

Davon gibt es kaum Bilder, nur ein paar aus Berlin. Und die Karte mit der eingezeichneten Strecke von 1969.

Auf der alten Karte eingezeichnete Deutschland-Tour von Kurt, Waltraut und Anna 1969

Käthe und Kurt

Kurt, Käthe und Waltraut

Beide haben sich mitten im ersten Weltkrieg kennengelerrnt. 1943, im Krieg haben sie geheiratet. Ihre erste Tochter wurde auch im Krieg geboren. Er war aber bis zum Ende des Krieges Soldat und danach noch in Gefangenschaft. Erst dann konnten sie ein Familienleben beginnen. Das war aber direkt nach dem Krieg von viel Arbeit geprägt: Er als Elektromeister und beide als Hausmeister in der Kaiserallee 157 (siehe oben). Und Kurts Prägung „Das Leben ist zum Arbeiten da“, war sicher nicht immer familienfreundlich. Wie von den Frauen damals allgemein erwartet, hat sich Käthe in die Rolle der Hausfrau gefügt. Sie hat sich um Haus und Kinder gekümmert. Er um das Geld-Verdienen und die jeweiligen Häuser, in denen ja auch immer etwas zu tun war. Für gemeinsame Aktivitäten blieb den beiden nicht viel Zeit. Und wegen der großen Entfernung zu ihren Kindern, konnten sie ihre Enkel als Oma und Opa auch selten erleben.

Insgesamt haben die beiden unterschiedlichen Partner ihre Vorstellungen umgesetzt und sich den Gegebenheiten angepasst. Kurt ist 1999 mit 90 Jahren in Kitchener gestorben. Käthe ist mit 83 Jahren in Kitchener gestorben.

Sie wohnten im südlichsten Teil von Kanada

Das war für mich auch verwunderlich: Hamilton, Kitchener, Woodstock, London in Ontario, das sind alles Orte, die in etwa auf der Höhe des nördlichen Kaliforniens liegen. Das ist offenbar auch der etwas wärmere Teil von Kanada. Kein Wunder, dass es Kurt gerade dort hinzog!

Karte hergestellt aus OpenStreetMap-Daten | Lizenz: Open Database License (ODbL)

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