Fernmeldemonteur-Lehre bei Siemens 1966

Am 1. April 1966 begann die berufliche Arbeit für mich. Die neunte Klasse des damals so genannten „Praktischen Zweiges“ der Schule hatte ich gerade abgeschlossen. Meine Bewerbung bei Siemens wurde angenommen. Vermutlich hat es geholfen, dass mein Vater auch bei Siemens angestellt war. Damals wurden ganz bewusst Mitarbeiterkinder bevorzugt eingestellt. Die Zusage kam ganz unformell auf einem DIN A5 Blatt:

Der Lehrvertrag ging an meine Eltern. Die mussten den auch beide unterschreiben. Darin war auch das Berufsbild Fernmeldemonteur für die 3 1/2 jährige Lehre beschrieben:

Gute mechanische Fähigkeiten waren damals die Grundlage für jede elektrotechnische Arbeit. Das sieht man an dem großen Block der „Grundfertigkeiten für die Metall und Isolierstoffbearbeitung“. Irgendjemand sagte uns damals, dass wir der erste Jahrgang wären, der keine Marmor-Schalttafeln mehr bearbeiten muss. Für diese grundlegende Metallbearbeitungs-Ausbildung – vom Schmieden bis zum Drehen an der Drehmaschine – bin ich noch heute sehr dankbar. Das half auch im privaten Bereich enorm.

Mit 15 Jahren musste ich nun jeden Morgen um 6:45 Uhr im Hochhaus des Wernerwerks (Gebäude 10) in Berlin Siemensstadt an meinem Platz im riesigen Lehrsaal stehen. Pünktlichkeit wurde selbstverständlich erwartet.

Das „Wernerwerk“ oder auch Gebäude 10 in Siemensstadt von der Parkplatzseite aus gesehen.
Aufnahme aus den 1950er Jahren: Konzentriertes Arbeiten in der Lehrwerkstatt im Wernerwerk-Hochbau (Gebäude 10) in Berlin. Genau so sah meine Lerhwerkstatt 1966 auch noch aus. Bild: www.siemens.com/presse

Ich wohnte damals dicht am S-Bahnhof Wilmersdorf (heute Bundesplatz). Mit der S-Bahn kam man damals auch sehr bequem nach Siemensstadt: Umsteigen in Jungfernheide und dann mit der Siemens-Bahn bis zur Station Wernerwerk. Aber das hieß trotzdem um 5:30 Uhr aufstehen. Die Bahn war morgens und abends immer voll. Das typische S-Bahn-Geräusch – wie ein trockenlaufendes Getriebe – ist mir noch immer im Ohr. Die als Siemens-Bahn bezeichnete S-Bahn ist heut leider eingestellt, soll aber wieder reaktiviert werden. Hier ein paar Erinnerungsbilder.

Siemens als Familie

Egal ob Lehrling, Arbeiter oder Angestellter: Wer in das Unternehmen eintrat, wurde in eine besondere soziale Gemeinschaft aufgenommen. Ein gewisser Stolz war spürbar, aber auch eine klare Erwartung, sich auch an ungeschriebene Regeln zu halten. Wir Lehrlinge bekamen „Benimm-Unterricht“, einmal sogar mit einem gemeinsamen Essen im Gästekasino. Aber nicht nur bei Tisch sollten wir würdige Vertreter von Siemens in der Gesellschaft sein, auch fürs Verhalten anderen Menschen gegenüber wurden wir instruiert. Wer wen zuerst zu grüßen hat, wie man andere anredet, wie man sich als Besucher bei anderen zu verhalten hat – um nur ein paar Beispiele dieses speziellen Unterrichts im ersten Lehrjahr zu nennen. Schließlich seien wir ja auch in der Freizeit Siemens-Mitarbeiter, schärfte man uns ein.

Ein wenig von diesem Siemens-Geist gibt auch die kleine Broschüre „Arbeitsschutz für Neueintretende des Hauses Siemens“ wieder. Hier einige Auszüge daraus. Auch in der Schrift „Wir bieten unseren Mitarbeitern“ von 1966 wird die „Jahreszuwendung und die Erfolgsbeteiligung“ ebenso herausgestellt wie die berufliche Förderung: „Wer sich in seiner Leistung und als Persönlichkeit bewährt, braucht sich um sein Fortkommen nicht zu sorgen.“

Erste Lohnabrechnung als Siemens-Lehrling: 105,42 DM ausgezahlt, bei 2,73 DM Krankenverichrung und 5,45 DM Berlin-Zulage.

Sehr klare Regeln – am Beispiel Krankheit

Gleich zu Beginn der Lehre bekamen alle Lehrlinge eine genaue Anweisung, was im Krankheitsfalle zu tun ist: „Bei Erkrankung hat sich der Lehrling einen Krankenschein zu besorgen, den er an jedem Arbeitstag bis 9.00 Uhr im Büro der Lehrwerkstatt ausgestellt bekommt. Der Krankenschein kann in besonderen Fällen auch schriftlich oder telefonisch angefordert werden.“ So beginnt die schriftliche Anleitung „Verhalten bei Krankheit“.

Und wer krank gemeldet ist, hat sich an Ausgehzeiten zu halten, die in der ausführlichen „Krankenordnung“ beschrieben wird:

Streng – aber verläßlich

Streng und übermächtig, aber auch verlässlich unterstützend, so kam mir die Organisation Siemens damals vor. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt, der kann sich auf eine lange berufliche Karriere einstellen.

Es gab bei Siemens zu allen Themen eine klare Meinung. Man wusste was richtig oder falsch war. Das gab Orientierung, und unterstützte ein wenig so ein elitäres Zugehörigkeitsgefühl. Uns Lehrlingen wurde schon in den ersten Tagen klargemacht, dass wir unsere volle Arbeitskraft Siemens zur Verfügung zu stellen haben. Als Beispiel nannte uns der Meister den Besuch einer Abendschule: Dafür müsse man unbedingt eine Genehmigung einholen, die aber nur bei guten Leistungen in der Lehre erteilt werde. Mich brachte das damals in ein Dilemma. Genau das hatte ich vor. Ich wollte die Berufsaufbauschule parallel zur Lehre besuchen um gleich danach studieren zu können. Das habe ich dann sicherheitshalber heimlich gemacht, viermal in der Woche abends etwa von 17:00 bis 22:00, und am Wochenende Hausaufgaben, plus Berichtsheft schreiben für die Lehre. Freizeit fiel für mich während der Lehre damals praktisch aus. Erst im dritten Lehrjahr gestand mir ein Lehrlings-Kollege, dass er auch von Anfang an heimlich zur Abendschule ging. Wir veröffentlichten das aber auch dann noch nicht.

Berichtsheft führen

Wie alle Lehrlinge mussten wir von Beginn an ein Berichtsheft führen, und dem Ausbilder wöchentlich vorlegen. Das war einerseits eine Übung im „Stunden-Schreiben“, also dem Bewusstmachen, wieviel Zeit man für einzelne Arbeiten brauchte. Andererseits hatte man im Arbeitsbericht eine der Arbeiten genau zu beschreiben, möglichst mit passender Zeichnung dazu. Schon das Schreiben und Zeichnen in dem Berichtsheft erforderte Konzentration auf Inhalt und Darstellung. Radieren fiel negativ auf, und der Inhalt musste stimmen. Hier mein Wochenbericht von Woche 34 im ersten Halbjahr. Noch durften wir den Wochenbericht mit unserer Handschrift schreiben, nur die Zeichnung erforderte schon die „schräge Normschrift nach DIN 16“. Meine damalige Zeichnung zum Bohrer-Schleifen erstaunt mich heute: Das würde ich so vermutlich nicht mehr hinbekommen. Und dafür gab es nur eine 2- als Note!

Im zweiten Halbjahr – ich war immer noch erst 15 – waren die Anforderungen an die Darstellung im Berichtsheft schon strenger. Schräge Normschrift nach DIN 16 war jetzt generell gefragt. Man kann sich vorstellen, wieviel Stunden Arbeit im Erstellen solcher Wochenberichte damals steckte. Auch das gehörte damals zur Ausprägung von Präzision und Sachverstand bei uns Lehrlingen.

Strenge Grundausbildung im 1. Lehrjahr

Jeden Tag acht Stunden im Stehen an der langen Werkbank arbeiten neben den 200 anderen Lehrlingen im gleichen Lehrsaal. Sitzen war nur an Berufsschultagen erlaubt. Für etwa 20 Lehrlinge war ein Ausbilder im grauen Kittel zuständig, der seinen Arbeitsplatz auch in den langen Werkbänken hatte – und sitzen durfte. Die Meister hatten weiße Kittel an und saßen an einem Ende des Lehrsaales an Schreibtischen auf einem etwa 20 cm hohen Podest. Die Hierarchie war damit wirksam markiert. Und alle Lehrlinge waren sich der ständigen Beobachtung bewusst.

Die Ausbilder hatten neben den Unterweisungen (das Wort war damals normaler Sprachgebrauch – und irgendwie stimmig), auch unsere Arbeiten zu beurteilen. Gefertigte Teile mussten den vorgegebenen Toleranzen entsprechen. War etwas nicht maßhaltig, dann nahm der Ausbilder den Hammer und markierte mit einem für alle hörbaren Schlag auf das abgelieferte Werkstück dieses als Ausschuß. Der Lehrling bekam dann ein neues Rohteil, um noch einmal von vorn zu beginnen.

Saubere Arbeit geht nur an sauberen Arbeitsplätzen. Das wurde tagsüber gefordert, aber jeden Abend überprüft: Vor Feierabend musste die Werkstatt ausgefegt sein, und jeder Lehrling hatte sich vor sein geöffnetes Werkzeug-Schubfach zu stellen. Niemand im ganzen Saal durfte in den Feierabend gehen, bevor alle Arbeitsplätze von den Ausbildern abgenommen waren. Immer wieder mal erwischte es einen, der seine Feilen nicht sauber gemacht oder Unordnung im Werkzeugkasten hatte. Alle mussten so lange warten, bis er seinen Kasten zur Zufriedenheit des Ausbilders aufgeräumt hatte.

Mehr Freiheit für mich ab dem 2. Lehrjahr

Nach Abschluß der mit anderen Berufen gemeinsamen Grundausbilung in Siemensstadt, ging für uns Fernmeldemonteur-Lehrlinge die Ausbildung in Gartenfeld weiter. Wir wurden ja für Montageeinsätze an Fernmeldeanlagen ausgebildet. Das waren damals hausptsächlich Fernsprech-Systeme, Rufanlagen, Uhren- und Sicherheitsanlagen. Die Technik dafür erlernten wir in der Gartenfelder Ausbildungserkstatt, unterbrochen von Praxis-Einsätzen auf Baustellen in Berlin. Dort ging man mit uns Lehrlingen nicht ganz so streng um. Wir mussten dafür unsere Selbständigkeit schnell ausprägen. Auf Baustellen bekamen wir zuweilen allein auszuführende Aufträge. Ich kann mich z.B. an einen Rohbau in Spandau erinnern: Der Bauleiter setzte mich mit 150 m Fernsprechkabel bei minus 10 Grad dort ab und zeigte mir wo dieses Kabel überall an die Betonwand genagelt werden müsse.

Die vielen Baustellen habe ich nicht mehr in Erinnerung. Nur die stolzen Sprüche der Bauleiter, wenn wir durch die Stadt zu einer Baustelle fuhren: „Das Krankenhaus habe ich gebaut“ oder „Das Kraftwerk habe ich gebaut“. Tatsächlich hatte der eine nur die Schwesternrufanlage in dem Krankenhaus gebaut und der andere nur die Brandmeldeanlage für das Kraftwerk. Sie identifizierten sich so sehr mit ihrer geleisteten Arbeit, dass sie ein Leben lang stolz davon berichteten. Stolz wird auch nur jemand sein, der wirklich gute Arbeit geleistet hat. Mich hat das damals schon sehr beeindruckt.

4 Wochen Kurzschule Weissenhaus

Vom 29.5 bis zum 25.6.1968, wurden wir Fernmeldemonteur-Lehrlinge im dritten Lehrjahr nach Weissenhaus in der Howachter Bucht an der Ostsee geschickt. „Das Ziel der „Kurzschule“ ist es, Jungen aus verschiedenen Berufen und Schulen gemeinsam Aufgaben zu stellen, die in erster Linie der Erhaltung des Lebens in Not geratener Menschen dienen, und zum zweiten den Kameradschaftsgeist fördern, sowie die eigene Leistungssteigerung auf verschiedenen Gebieten erreichen sollen.“

100 Jungen aus allen Bundesländern von verschiedenen Firmen und Schulen waren in der Woche dabei. Wir wurden in sog. „Wachen“ von 12 Mann eingeteilt. Tatsächlich hatten wir auch nachts Wache zu halten: Wir waren eine Seenotrettungs-Station, die notfalls Schiffbrüchige aus der Ostsee retten sollte. Dafür und für den Feuerwehr-Dienst im Ort wurden wir intensiv ausgebildet. Auch auf einer dreitägigen Fahrt mit einem Segelschiff nach Dänemark mussten wir tatkräftig mit anpacken. Erst heute entdecke ich, dass die Kurzschule Weissenhaus einer besonderen Reformpädagogische Idee entsprach, Infos dazu hier und hier (S33).  

1 Woche Lehrabschlußinformation in Burghausen

Im gleichen Jahr, vom 26.10. bis zum 2.11.1968 wurden wir Fernmeldemonteur-Lehrlinge zu einer Lehrabschlußinformation in die Jugendherberge Burghausen gesandt. 33 Lehrlinge im dritten Lehrjahr sollten noch einmal gemeinsam in den Austausch gehen und nichtberufliche Erfahrungen sammeln. An Inhalte kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

Facharbeiterprüfung endlich bestanden

Am 10.9.1969 bestätigte uns die IHK Berlin das Bestehen der Facharbeiterprüfung. Meine abends absolvierte Berufsaufbauschule ging eigentlich nur 3 Jahre. Für den Abschluß war aber die bestandene Facharbeiter-Prüfung Vorausssetzung. Deshalb musste ich die Berufsaufbauschule um ½ Jahr verlängern, die Lehre dauerte ja 3 ½ Jahre.

Ganz offiziell erhielten wir am Ende auch das Lehrzeugnis auf wertigem Papier mit oben geprägtem Siemens-und-Halske-Logo.

Ich habe dann eine Übernahme-Zusage bekommen, die ich aber nach wenigen Tagen wieder gekündigt habe. Erst dann hatte ich die Zusage fürs Studium an der Ingenieur Akademie Gauß in Berlin. Siemens unterstützte damals bereitwillig (keine Kündigungszeit) die Aufnahme eines Studiums. Sie gingen davon aus, dass man danach als Ingenieur sicher wiederkommen würde. Was in meinem Fall ja auch so war.

Einen weiteren Post zu meiner Lehrzeit findest Du hier, zur Fernmeldetechink hier und eine Video-Aufnahme mit weiteren Infos zu meiner Zeit bei Siemens findest Du hier.

Dieser Beitrag steht unter der Creative Commons Lizenz CC BY international 4.0 und darf mit Namensnennung „KhPape“ oder „Karlheinz Pape“ beliebig verwendet werden.

1 Gedanke zu „Fernmeldemonteur-Lehre bei Siemens 1966“

  1. . . . lieber karl-heinz,

    habe deinen blog nun wiedergefunden . . .

    fazit:

    „respekt vorm dampfschiff“

    du hast es ja geschafft; einen

    grossteil der eindrücke,

    nebst dokumenten

    in wort und bild zu fassen . . .

    lieben gruss

    manfred rühl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert