
Etwa zum 100. Geburtstag kam in diesem Sommer auch die Anerkennung als Weltkulturerbe. Die Berliner hatten schnell einen eigenen Namen für die in den 1920er Jahren entstandenen Häuser: Papageien-Siedlung nannten sie das eigenwillige in dezentem Grün, Gelb, Rot und Blau gehaltene Ensemble. Bruno Taut war der Haupt-Architekt dieser für damalige Verhältnisse völlig ungewöhnlichen Bauweise und Farbgebung. „Licht, Luft und Sonne“ war sein Prinzip bei der Gestaltung der Siedlung für Arbeiter , die er damit ganz bewusst als Gegensatz zu den Berliner „Mietskasernen“ plante.
Teile der Siedlung gestalteten auch die Architekten Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg, die sich aber dem Stil von Bruno Taut anpassten.

Erst die originalgetreue Restaurierung zeigt den Charakter der Siedlung
Als alter Berliner ist mir die Siedlung nie aufgefallen. Bei meinem Rundgang durch die Siedlung entdeckte ich noch nicht restaurierte Häuser – und die sehen ganz gewöhnlich aus. Erst bei ganz genauem Hinsehen erkennt man ungewohnte Farbe an den Treppenfenstern und einige eigenartig aufgeteilte Fenster. Der Putz ist grau, wie an vielen Berliner Häusern damals.


Bei den Doppelhäusern wird das besonders deutlich: Links die neuzeitlich modernisierte Ausführung und rechts die originalgetreue Restaurierung von Fenstern und Putzfarbe.


Bauen im alten Baumbestand
Bruno Taut legte großen Wert aufs Wohnen mitten in der Natur. Auch das war ein Gegenpol zu den engen Mietskasernen in der Innenstadt. Er plante deshalb die Siedlung im Wald mit viel Freiflächen zwischen den Häusern. Die Gebäude wurden so geplant, dass dafür möglichst wenige Bäume gefällt werden mussten. Um die Häuser sollten möglichst viele Bäume stehen bleiben.


Zusätzlicher Außenwohnraum
Bruno Taut war das Wohnen in der Natur so wichtig, dass er den Wohnungen im Erdgeschoß hinter den Häusern immer auch einen eigenen 200 m²-Garten zuwies. Von der Küche gelangt man direkt in den „Außenwohnraum“, einer Terasse auf diesem Gartengrundstück.


1900 Wohnungen entstanden von 1926 bis 1932
Rund um den heutigen U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ entstanden damals 1100 Wohnungen und 800 Einfamilienhäuser für 15.000 Menschen! Die Häuser sollten nach Bruno Taut ganz bewusst die Nachteile der Mietskasernen vermeiden. Viel Licht, viel Grün, viel Sonne und gute Nachbarschaft sollten hier bautechnisch realisiert werden. Die Wohnungen in den mehrgeschossigen Bauten haben alle nur 2 ½ Zimmer zwischen 85 und 104 m². Nur in den Einfamilienhäusern gibt es 3 ½ und 4 ½ Zimmer-Wohnungen.
Für damalige Verhältnisse noch ungewöhnlich: Jede Wohnung hat eine eigene Küche und ein Bad mit Toilette.




Massenfertigung farblich unterschieden
Diese riesige Menge an Häusern sollte bezahlbar bleiben. Wiederkehrende Grundrisse, Fensterformen und Türen sorgten für eine wirtschaftliche Bauweise. Trotzdem sorgt Anordnung und Gestaltung der Häuser nicht für gleichförmige Langeweile. Da spielen auch die behutsam eingesetzten Farben eine wichtige Rolle. Zum Beispiel sind Türen und Fensterrahmen fast nie einfarbig. Fenster sind manchmal ungewöhnlich geteilt.




Flachdächer statt Spitzgiebel
Alle Häuser dieser drei Architekten haben Flachdächer. Was aber den traditionellen Architekten gegen den Strich ging. Deshalb gab es die Gegenbewegung mit Spitzdächern in traditioneller Bauweise von Einfamilienhäusern gleich daneben.


Mittendrin die U-Bahn-Station Onkel Toms Hütte
Auch die U-Bahn wurde vor etwa 100 Jahren duch die Siedlung gebaut. Ebenfalls mit einem ungewöhnlichen Konzept: Zwei „Ladenstrassen“ rahmen die U-Bahngleise am Bahnhof ein. Sie fallen ab bis auf das tiefer liegende U-Bahn-Niveau. In der Mitte war damals ein Kino, so dass man mit der U-Bahn direkt zum abendlichen Vergnügen kam. Das alte Kino wird heute von ALDI als Verkaufsfläche genutzt.
Auch auf den abschüssigen Streifen der Ladenstrasse gibt es Läden. Die Ansicht ist gewöhnungsbedürftig:



Eigentlich sollten hier Arbeiter wohnen
Als bessere Wohnalternative für Berliner Arbeiterfamilien wurde die Siedlung damals geplant. Aber schon nach Fertigstellung der ersten Wohnungen mussten Mietpreise gefordert werden, die sich Arbeiter nicht leisten konnten. Damit zog dort eher die untere Mittelschicht hin.
Wer dort heute wohnt, kann man nur vermuten. Die Autos vor den Häusern geben ja manchmal auch Hinweise auf die Bewohner. Einen Rolls Roys hatte ich dort allerdings nicht vermutet:


Fazit:
Auch als alter Berliner ist mir die Waldsiedlung nie als etwas Besonderes aufgefallen. Offenbar waren die Häuser früher auch nicht so schön frisch und sauber gestrichen. Der Unterscheid zwischen den „modernisierten“ und „historisch restaurierten“ Häusern macht sehr schön deutlich, wie wichtig es ist, Original-Gestaltung und -Farbgebung einzuhalten. Heute sieht die Seidlung so ansprechend aus, als wären die Häuser gerade erst fertig gebaut worden. Bäume, Grünflächen und Gärten zwischen den Häusern machen Lust aufs Hier-Wohnen. Die markanten Formen und Farben wirken auch heute noch sehr modern.

Weitere Informationen:
- Audio 2 Min: Die Waldsiedlung Zehlendorf: Vom Skandal zum Welterbe | Berliner Schnipsel
- Audio 4:47 Min: Bruno Taut Siedlung
- Text: Waldsiedlung Zehlendorf – Onkel Toms Hütte
- Text: Onkel Toms Hütte oder Waldsiedlung Zehlendorf
- Denkmalpflegeplan Waldsiedlung Zehlendorf: Denkmalschutz-Auflagen


