
Heute am Samstag „Tag der offenen Tür in der St. Ludwigschule“, das hatte ich hier in Berlin gelesen. Meine Einschulung in dieser katholischen Schule war 1957, ist also fast 70 Jahre her. Da interessiert mich doch, wie die Schule heute aussieht. Viele Eltern mit kleinen Kindern waren da, um sich einen Eindruck von der Schule zu verschaffen – und offenbar auch viele Kinder aus der Schule.


Der Eingang und die gekachelte Wand sind mir noch sehr vertraut, evtl. hat sich die Farbe der Tür geändert. (War die mal grün?)


Auch damals hatten wir schon zwei Schulhöfe. Beide sind heute schöner und freundlicher gestaltet, als damals, wo ich wir unsere Pausen auf kargen grauen Flächen mit festgetretenem Sandboden verbracht haben. Im größeren Hof der beiden, dem hinteren, steht nun sogar eine Sporthalle. Für die Pausen steht ein großer, runder und mit einem Marktschirm gemütlich überdachter Tisch bereit. Der gepflasterte Boden erlaubt „Außenpausen“ auch bei etwas regnerischem Wetter. (Foto oben)




Auch der vordere, kleinere Schulhof ist nun gepflastert und hat durch ein paar einladende, halbkreisförmige Holz-Sitzgruppen sehr gewonnen.
Von diesem Hof gehen die Schuleingänge ab, die nun gelbe Überdachungen bekommen haben.




Der freundliche, moderne Stil zeigt sich auch in den Fluren: kleine Bänkchen und Tischgruppen laden zum Arbeiten in kleinen Gruppen ein.
Die Klassenzimmer haben sich am wenigsten verändert, sie scheinen mit Tischen, Stühlen und grüner Wandtafel noch die gleichen zu sein, wie damals.

Das große Diaspora-Plakat hinter Glas ist mir gleich aufgefallen. Diesen Begriff hörten wir als Schüler dort bereits häufig. Es scheint der Schule damals wie heute wichtig zu sein, anzuzeigen, wie wenige Katholiken es in unserem Land gibt. Ich erinnere mich, was man uns Kindern damals von der Diaspora mit wenigen Katholiken erzählt hat: „Da gibt es Gegenden, in denen fast nur Heiden wohnen. Von denen sollten wir uns fernhalten!“ Ich hoffe mal, das erzählt man den Kindern heute so nicht mehr. Das große Plakat soll die Kinder aber offensichtlich doch irgendwie daran erinnern.
Bei mir hat das jedenfalls eine kritische Haltung geprägt: Meinen evangelischen Vater konnte ich nicht als Heiden sehen.

Direkt neben der Schule in der Düsseldorfer Straße gibt es einen Laden der bestimmt für viele Schüler ganz verlockend ist:

Erinnerungen
Langer Schulweg zu Fuß
Neun Jahre lang bin ich zu Fuß in diese Schule gelaufen, jeweils eine dreiviertel Stunde. Wir wohnten etwa 3 km von der Düsseldorfer Straße entfernt am Bundesplatz in der Wexstraße. In den ersten Klassen brachte mich meine Mutter morgens hin und holte mich nach der Schule wieder ab. Sie lief den ganzen Weg also viermal am Tag. An manchen Tagen wechselte sie sich mit der Mutter einer Mitschülerin ab, die auch am Bundesplatz wohnte.
Wir hatten damals kein Geld für den Bus. Schließlich kostete die private katholische Ludwigschule Schulgeld. Ende der fünfziger Jahre war das für meine Eltern nur mit großer Sparsamkeit möglich. Und es kamen ja noch 3 Geschwister, die auf die katholische Schule gehen sollten. Für mich war der Schulweg morgens und nachmittags ganz normal – die ganzen neun Jahre lang. Ich erinnere mich noch an meinen Beginn der Lehre bei Siemens: Der Dreiviertelstunden-Schulweg fehlte mir plötzlich sehr! Das Allein-Laufen ermöglichte viele Gedanken, die sonst im Alltag immer untergehen. Und 6 km tägliches Laufen war ja auch ein gutes Fitness-Training für mich.
Ein katholische Schule musste es sein
Meine Mutter ist im streng katholischen Eichsfeld groß geworden. Mein Vater kam aus Berlin und war evangelisch getauft. So eine Ehe war damals im Eichsfeld nicht einmal vorstellbar. Es gab erhebliche Widerstände aus der Familie meiner Mutter zur Ehe mit einem nichtkatholischen Mann. Als ihr Vater nach schwierigen Diskussionen endlich zustimmte, musste auf jeden Fall sicher gestellt werden, dass die Kinder katholisch erzogen würden. Selbstverständlich wurden wir also in die katholische Ludwig-Schule geschickt und auch als Ministranten angemeldet. Mehr katholische Erziehungsarbeit war kaum denkbar.
Praktischer Zweig für mich
In Berlin ist es für die meisten Kinder heute noch üblich, erst nach der 6. Klasse die Entscheidung zwischen den weiterführenden Schulen zu treffen: Praktischer, technischer und wissenschaftlicher Zweig – so wurden damals die 3 weiterführenden Schularten ab der 7. Klasse bezeichnet.
Für den wissenschaftlichen Zweig (Gymnasium) musste man vorgeschlagen werden – und das war immer nur bei einem kleineren Teil der Kinder der Fall. Ich bekam damals von meinem Lehrer Hrn. Grundke tatsächlich die Empfehlung dafür! Mein Vater machte mir aber klar, dass er es sich nicht leisten könne, vier Kinder auf den wissenschaftlichen Zweig zu schicken. Ich könne ja nach dem praktischen Zweig, der nur bis zur 9. Klasse ging, eine Lehre machen und nebenbei die Berufsaufbauschule besuchen, um danach zu studieren.
Mir blieb also nichts anderes übrig. So bin ich also bis zur 9. Klasse an der Ludwigschule geblieben und habe anschließend alle Möglichkeiten des zweiten Bildungsweges bis zum Studienanbschluss genutzt. Aus heutiger Sicht war das eine gute Entscheidung. So habe ich über die Lehre sehr nützliche handwerkliche Kenntnisse und Praxis erworben. Dies hat sich im Alltag lebenslang bewährt. Die Lehre war auch eine gute Basis für meinen weiteren Berufsweg.
Die Klassen 7 bis 9 waren wertvoll für mich
Ein richtig begeisterter, guter Schüler war ich eigentlich nicht. Aber gerade die drei letzten Hauptschuljahre möchte ich nicht missen! Unser Klassenlehrer Hr. Grundke hat bei uns viele Diskussionen angestoßen, die mich beschäftigt und geprägt haben. Erinnern kann ich mich an intensive Auseinandersetzungen über sozialistische und kommunistische Ideen. Das lag ja im damaligen West-Berlin, umgeben von einem sozialistischen Staat, auch nahe. Diese Gedanken haben dann auch zu nächtelangen Diskussionen mit meinen Eltern geführt. Denen bin ich heute noch dankbar, dass sie damals so viel Zeit und Energie für nächtliche Gespräche aufbrachten.
Fazit
Mein Besuchseindruck von der Schule war insgesamt positiv. Sie wirkt insgesamt freundlicher, als ich sie in Erinnerung hatte. Viele fröhliche Kinder und nette Eltern waren da heute zu erleben. Das Gebäude und die Höfe sind ansprechend gestaltet, obwohl sich gar nicht richtig viel verändert hat.
Nach wie vor ist die Schule klein und überschaubar. Das hat den Vorteil, sich untereinander mehr zu begegnen, vielleicht besser zu kennen – und eventuell sogar eine Art Schulfamilie zu ermöglichen.
Wie das heute an der Schule tatsächlich ist, kann ich natürlich nicht beurteilen.
Der Besuch hat bei mir Erinnerungen an die Schulzeit ausgelöst.
Insgesamt eigentlich nur angenehme.


